Rüdiger Dahlke
Depression
Wege aus der dunklen Nacht der Seele
Bei der Depression handelt es sich um ein uraltes Krankheitsbild. Hippokrates, der Ahnvater der Medizin, gab ihr den Namen Melancholie, wörtlich Schwarzgalligkeit. „Krankheitsbilder aus dem Bereich der so genannten Geisteskrankheiten und ihre Therapien haben noch deutlicher als andere Symptomgruppen sehr zeitspezifische Ausprägungen. Wer zum Beispiel im 18. Jahrhundert zu Schreikrämpfen und Ohnmachtsanfällen geneigt hat, mag im 19. Jahrhundert mit heftigen Krampfanfällen und hysterischer Blindheit reagiert haben und seit dem 20. Jahrhundert zu Essstörungen, Burn-out-Syndrom und Depressionen neigen. In diesem Sinne dürfte die Depression wirklich eine Krankheit unserer Zeit sein“, erklärt Rüdiger Dahlke in seinem Buch „Depression“.
Auf alle Fälle muss zwischen leichteren und schweren Formen von Depression unterschieden werden, wobei erstere sich noch schlimm genug anfühlt. Die Bezeichnung „leichte Depression“ ist also keinesfalls im Sinne von Verharmlosung gemeint.
Die so genannte leichte Depression tritt in der Regel beim Betroffenen allmählich in Erscheinung und überwuchert, ausgelöst von oft geringfügigen Anlässen, mit der Zeit große Teile seiner Persönlichkeit. Zuerst verschwindet in der Regel alles Empfinden für Glück, danach verkommt das Gefühl für Sinn, und zum Schluss bleibt nur Verzweiflung. Das Quälende daran ist weniger die akute Unerträglichkeit der Depression als die sichere Aussicht auf deren Wiederkehr.
Bei der so genannten schweren Depression beginnt das Leiden meist sehr viel rascher und gipfelt nicht selten in einem Zusammenbruch des ganzen Lebens.
Da Gedanken und Gefühle nichts anderes als Formen von Lebensenergie sind, ist deren Verlust typisch für den depressiven Zustand.
Depressive können eine Buchseite lesen und beim Umblättern nichts davon behalten. Die Gedanken verweilen nicht, sondern verschwinden wie in einem dunklen Loch, das auch alles andere, das vorher wichtig war, verschlingt. Und tatsächlich verschwindet für viele Depressive auch die Zeit und Lebensgeschichte in ihrem dunklen Loch, in das es sie selbst zu ziehen droht. Da sie die Vergangenheit nicht mehr in Erinnerung rufen können, jedenfalls nicht, was die Stimmung angeht, und die Zukunft ihnen wegen des Mangels an Hoffnung verstellt ist, geraten sie auf unerlöste Art und Weise in das viel gerühmte Hier und Jetzt, was geradezu einer Karikatur des sowohl in der Esoterikszene als auch in der Spaßgesellschaft angestrebten Lebens im Augenblick gleichkommt. Wenn Erleuchtung das Ziel aller spirituellen Wege ist, steht die tiefste Dunkelheit der Depression für deren absoluten Gegenpol.
Ein weiteres wesentliches Kriterium der Depression ist das Verlieren der Verbindung zum eigenen Wesenskern. Dies lässt sich auch bei immer mehr Menschen der modernen Leistungsgesellschaft feststellen. Alles, was mit dem Verlust von Lebensenergie und der Verbundenheit mit dem eigenen Wesenskern einhergeht, hat folglich zumindest einen depressiven Beigeschmack, wie etwa das Burn-out- oder das chronische Müdigkeitssyndrom.
Der am deutlichsten erkennbare Gegenpol zur Depression ist sicher die Liebe. Der akute Depressionsschub lässt sich als das direkte Gegenstück zur akuten Verleibtheit sehen. Im verliebten Zustand ist einem alles wichtig, man ist völlige bezogen auf den anderen und ist oder will in vollständige Resonanz mit dem oder der Geliebten treten. In der Depression fehlt jeder Bezug, man ist weder bei anderen noch bei sich selbst, sondern erlebt eine Gefühle- und Resonanzlosigkeit. Während Verliebte buchstäblich mit jeder Faser ihres Wesens und womöglich auch Körpers miteinander schwingen, schwingen Depressive mit nichts und niemandem mehr mit. In diesem Sinne muss eine Gesellschaft, die Depressionen in so großem Ausmaß hervorbringt, auch eine sein, die die Bedeutung der Resonanz verkennt. Die schlimmste Depression ist erreicht, wenn keinerlei Resonanz mehr besteht. Ob man sich mittels Alkohol in Resonanz bringt – etwa wenn Fremde in vollen Bierzelten miteinander schunkeln – oder über Sport, Naturerlebnisse oder Verleibtheit, ist weniger wichtig als die Tatsache, dass überhaupt noch Resonanz, das heißt ein Mitschwingen mit irgendwem oder irgendetwas vorhanden ist. Mobbing ist beispielsweise der Versuch von feigen Menschen, andere aus der Resonanz einer Gemeinschaft zu drängen. Aber selbst Menschen, die andere mobben, haben in sich Sehnsucht nach Resonanz, sie sind nur von einem Mangelbewusstsein geprägt und glauben, dass nicht genug für alle da ist.
Lösungen im Sumpf des Lebens
Vom homöopathischen Gesichtspunkt aus gesehen müssen auch im Sumpf, als der sich die Depression erweist, Lösungen liegen. Zu irgendetwas Nützlichem müssen selbst Sümpfe dienen. Warum sonst wünschen sich Ökologen Sumpfgebiete in unsere aufgeräumte und trockengelegte Welt zurück? Sümpfe sind ausgesprochen fruchtbare Landschaften, aus ihnen kann viel eher neues Leben hervorgehen als aus der Wüste.
All die großen Helden des Mythos, die den Weg in die Unterwelt gegangen und wieder emporgestiegen sind, kamen gestärkt und wie neu geboren zurück. Dies zu vermitteln bleibt trotzdem schwierig in einer so diesseitig orientierten Welt wie unserer, die Depressionen geradezu braucht, um sich dem Schattenreich und seinen Schätzen zu nähern. Und in dem Maß, wie sie das immer weniger versteht, bekommt sie immer mehr davon. Und so wie sich die wertvollsten Metalle und die prächtigsten Edelsteine auch nur mit viel Anstrengung in der tiefsten Dunkelheit der Erde finden lassen, gilt es im übertragnen Sinn auch für die inneren Reichtümer der Seele. Auf alle Fälle hat es sich von unschätzbarem Vorteil erwiesen, das Land der Unterwelt schon einmal freiwillig bereist zu haben, selbst wenn es einen später noch einmal gewaltsam dort hinunterziehen sollte. Letzteres ist aber eher unwahrscheinlich.
