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Spanien hin und retour

Reisen ist immer ein Erlebnis

Schranken im Kopf

Die Schranken im Kopf
Heiter-besinnliches über eine Reise in den „Osten“.

Also wer denn nun auf die Idee gekommen war, dass die Reise ausgerechnet nach Bulgarien gehen sollte, dass habe ich nie genauer hinterfragt. „Einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul“ heißt es, und an dieses Sprichwort hielt ich mich. Obwohl ich mich dafür, nach Bulgarien fahren zu wollen, richtiggehend rechtfertigen musste und von Freunden sogar belächelt wurde. Als moderner Mensch fährt man schließlich nicht nach Bulgarien. Könnte ja sein, dass man dort noch im Stall neben den Pferden schlafen muss.

Ich muss zugeben – manche dieser Fragen hatte auch ich mir gestellt. Und weiters muss ich gestehen, dass ich selbst nie auf die Idee gekommen wäre nach Bulgarien zu fahren. Denn ein paar Jahre davor war ich freiwillig nach Tschechien gereist. Danach hatte ich mit den so genannten ehemaligen Oststaaten touristisch abgeschlossen. Schließlich sollte ein Urlaub ja was Besonderes sein. Und in gewisser Weise war es auch was Besonderes gewesen, allerdings nicht im positiven Sinne. Auf dem Campingplatz gab es am Morgen nur Wurst und Butter. Wohin das Brot abgezweigt worden war konnte niemand sagen. Dafür konnten wir am nächsten Morgen das Brot allein essen, denn Wurst und Butter waren längst ausverkauft. In den Restaurants durfte man sich nicht auf die wunderschöne Terrasse setzen, weil ja sonst der riesige Speisesaal ganz leer geblieben wäre.

All diese Erinnerungen kamen hoch als ich vom Reiseziel Bulgarien hörte. Zugegeben, es sind seither einige Jahre vergangen. Aber Osten ist halt nun einmal Osten, ob geografisch oder Gesinnungsmäßig.

Überraschend viele Geschäftsleute waren nach Sofia unterwegs. Mädchenhandel und der Handel mit Adoptivbabys kam mir beim Anblick der Jungmanager in den Sinn. Der Bus vom Flughafen ins Hotel konnte zwar nicht als Komfortbus bezeichnet werden, wies aber keine offensichtlichen Mängel auf. Fünf Minuten sollte die Fahrt noch dauern, da standen wir plötzlich vor einem Schranken. „Also doch“, dachte ich mir. In meinen Vorstellungen waren die Länder des Ostens noch immer beschrankt und somit auch beschränkt. Ich hatte diese Schranken in Berlin ein paar Mal erlebt. Mich wunderte nur, dass wir nicht alle aussteigen, die Pässe herzeigen und uns dabei Angst einflössend in die Augen schauen lassen mussten. Auf die Schnelle konnte ich mich auch gar nicht mehr daran erinnern, wie ich auf dem Foto im Pass aussehe. „Hoffentlich ähnlich meinem heutigen Erscheinungsbild. Sonst gibt es unweigerlich Ärger“, überlegte ich noch, da hatte der Bus den Schranken schon passiert, wie ich erstaunt feststellte.

Das Klima an der Schwarzmeerküste war an diesen Tagen noch etwas rau. Da brauchte es war zum Wärmen. Und was in Bulgarien natürlich und unweigerlich nachhaltig in den Gehirnwindungen hängen bleibt ist der Schnaps. Dieses Nationalgetränk wird zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit angeboten – und auch getrunken. Aber nicht etwa eine genau abgemessene 2-cl-Menge. Das bulgarische Schnaps-Maß entspricht ungefähr einem achtel Liter. Jede Familie darf im Jahr 50 Liter für den Eigenbedarf brennen. Ich befürcht allerdings, dass die wenigsten damit ihr Auslangen finden.

Den weiten Ackerflächen fehlt das Personal, das es bearbeiten sollte, so wie früher während des Kommunismus. Den hierzulande üblichen Nebenerwerb im Bewirten von Touristen hat in Bulgarien noch kaum Anhänger gefunden. In einem winzigen Dorf, wo Hühner und Gänse noch mitten auf der Schotterstraße dahinwatscheln, hatte ein Bauer die Chance erkannt. Aus ein paar rohen Brettern hatte er ein paar Tische und Bänke gezimmert, die direkt in der Erde verankert waren. Die Rollenverteilung funktionierte genauso wie bei uns. Der Hausherr nahm die Gäste in Empfang, prustete sich – noch ein wenig zaghaft – und war einfach da. Für die Bewirtung war die Bäuerin zuständig. Eine Brettljause wurde uns zwar nicht kredenzt, dafür aber köstliches, frisches Bauernbrot und natürlich – Schnaps dazu.

Obwohl direkt an der Schwarzmeerküste, wurde uns in Bulgarien kein einziges Mal Fisch angeboten. Dafür ist das Lammfleisch Wert gekostet zu werden. Und zwar jenes, das direkt in der Erde gegart wird. Schon Stunden vor dem Essen wird eine Glut entzündet, darauf kommt das Fleisch, dieses wird mit Blättern abgedeckt und darüber wird Erde gehäuft. Getrunken wird dazu, wie sollte es anders sein, natürlich Schnaps.

Bei der Heimreise passierten wir wieder den Schranken. Es stellte sich heraus, dass nach dem Kommunismus der ganze Ort in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war. Denn ein Einzelner konnte sich die enormen Investitionen nicht leisten. Die Schranken an der Ortseinfahrt dienten als Kontrollstelle. Damit sich niemand im Ort aufhielt, der dort nichts zu tun hatte. Und sollte in einem Hotel was abhanden gekommen sein, dann konnte man das Auto dort noch kontrollieren.

Mittlerweile gehört es zum guten Ton auch in Bulgarien seinen Urlaub verbracht zu haben. Ein paar Wörter in Italienisch oder Spanisch nachzuplappern ist für den Durchschnittstouristen heutzutage kein Problem. Da gibt es keine Barrieren, die Sprache fließt leicht und locker von der Zunge. Nicht so bei den slawischen Sprachen. Da sind die Schranken emotionell noch sicher verankert. Und - wer will sich schon im Urlaub die Zunge brechen?