Spanien hin und retour
Spanien hin und retour
In Zeiten des Flugverkehrs scheint eine Spanienreise eigentlich nichts Besonderes mehr zu sein. Für mich und meine Reisebegleiter ergab sich allerdings bereits beim Packen ein Problem .... was brauchen zwei Erwachsene und ein Kind unbedingt für eine 14-tägige Reise in den Süden?
Es durfte nicht mehr sein, als in einer Reisetasche und zwei Satteltaschen Platz hat, denn schließlich mussten ja auch noch die Regenanzüge, das Zelt und die Schlafsäcke verstaut werden, und das alles auf zwei Motorrädern, eines davon mit Beiwagen versehen.
Erst ein Jahr zuvor habe ich mich von meinem Freund Frank für das Motorradfahren begeistern lassen. Und da ich im Urlaub unbedingt auch meinen siebeneinhalbjährigen Sohn Sebastian dabeihaben wollte, stieg Frank kurzentschlossen auf eine Beiwagenmaschine um.
Wir hatten uns kein bestimmtes Ziel gesteckt, außer dass es in den Süden gehen sollte, dass wir so wenig wie möglich die Autobahnen benützen wollten, und wir einfach dort bleiben wo es uns gefällt. Dass es kein Komforturlaub werden würde, war von Anfang an klar, was meine anfängliche Begeisterung in Grenzen hielt.
Drückend heiß war es, als wir an einem Freitagmittag in Kirchbichl (Nähe Kufstein) losfuhren. Über Landeck und Scoul erreichten wir den Nobelskiort St. Moritz und am Malojapass packten wir unsere Jausenbrote aus. Denn die erste Rast bei einer Motorradtour besteht bei uns immer aus einem Picknick. Danach freuen wir uns immer auf die ausländische Küche. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass unsere Motorräder keinesfalls zu den neuesten Modellen zählten. Meine Yamaha XS 400 war etwa 17 Jahre alt und die Honda CB 500 von Frank hatte ebenfalls schon etliche Jahre auf dem Buckel. Die letzten Sonnenstrahlen unseres ersten Urlaubstages genossen wir am Comosee bei einem Glas Rotwein und einem Succo di frutta für Sebastian. Die Suche nach einem Campingplatz schien uns überflüssig, und so schlugen wir unser Zelt abseits der Straße auf, was mit einem gewissen Nervenkitzel verbunden ist – angesichts der unzähligen Diebstahlsdelikte in Italien. Mit einer faustdicken Kette hängten wir unsere Motorräder vorsorglich zusammen. Meine beiden „Beschützer“ schnarchten schon selig neben mir, als ich noch die verschiedensten Geräusche wahr nahm und mir dabei ausmalte wer es sein könnte und was uns in den nächsten Minuten passieren wird.
Zähneputzen und Katzenwäsche mit Mineralwasser – dagegen hatte Sebastian überhaupt nichts einzuwenden. Die Fahrt hinunter bis Alessandria war etwas eintönig, dafür kommt man aber rasch voran. Am Nachmittag erreichten wir den Colle di Tenda, der letzte Gebirgszug vor dem Meer. Die großen Touristenströme benutzen diesen Übergang allerdings nicht, es wäre auch nicht ratsam. Die Straße ist eng und schlecht, ebenso der Tunnel, der zudem unbeleuchtet ist. Unerwarteterweise schüttete es am südlichen Tunnelausgang wie aus Kübeln und natürlich war nirgendwo ein Dach zum Unterstellen. Also hurtig das Dach auf den Beiwagen, damit das Kind, oder ehrlicherweise die Schlafsäcke, nicht nass werden, rein in die Regenkombi und weiter ging ess. Schon nach wenigen Kurven strahlte die Sonne wieder vom Himmel und schon am späten Nachmittag konnten wir die Yachten im Hafen von Monaco bestaunen. Sebastian sah zum ersten Mal in seinem Leben das Meer. So beschlossen wir hier eine Pause einzulegen und blieben zwei Tage.
Hätte ich geahnt was am nächsten Tag auf uns zukommen wird, dann hätte ich wahrscheinlich den ganzen Urlaub an der Cote d’Azur verbracht. In Nizza streikte Franks Motorrad, pünktlich zur Stoßzeit um zwölf Uhr mittags, mitten im Kreisverkehr. Ein paar mal um den Kreisverkehr geschoben, dann ging lief der Motor wieder. Leider nicht lange. Auf dem Weg nach Sant Tropez wieder dasselbe. Jetzt musste der Ursache auf den Grund gegangen werden, und das ging ohne schmierige Finger nicht ab. Der Magnetschalter war die Ursache, und so musste Frank fortan auf den Elektrostarter verzichten.
Unbedingt sehen sollte man St. Raphael. Der rötlich-braune Felsen entlang dieses Küstenabschnittes und das blaue Meer ist absolut einzigartig und wildromatisch. Zum Baden ist der Platz allerdings nicht sosehr geeignet.
Da wir nun schon mal da waren, wollte ich mir unbedingt den Hafen von Marseille ansehen. In etlichen Büchern hatte ich schon die schaurigsten Episoden darüber gelesen und so stand für mich fest: dort muss ich hin.
Doch manchmal kommt es anders als man denkt. Die Straßenbeschilderung durch Marseille ist unter jeder Kritik. Vielleicht kommen dort keine Touristen hin? Jedenfalls ist nirgendwo auch nur der kleinste Hinweis wie man zum Hafen kommen könnte. Geschweige den ein Wegweiser in irgendeine Richtung. Stadtteile waren angeschrieben, doch die waren wiederum auf unserer Karte nicht eingezeichnet. Als mir die Lust auf den Hafen schon vergangen war und wir nur mehr den Wunsch hatten endlich wieder aus dieser Stadt hinaus zu kommen fand sich plötzlich ein Motorradfahrer an der Kreuzung neben uns. Der kam aus dem Staunen nicht mehr heraus, weil wir mit diesen alten Motorrädern schon so weit gefahren waren und mit einer Auskunft gab er sich nicht zufrieden, sondern er lotzte uns bis zum Stadtrand.
Kilometerlang begleiteten uns noch die riesigen Öltanks der Raffinerien und der Gestank. Dann durchquerten wir die Camarque. Die Gegend mag ja für Pferdefreunde recht nett sein, den Vorstellungen eines Motorradfahrers entspricht sie keinesfalls. Eine schnurgerade Autostraße, meinen Vorstellungen nach wie die Highways in Amerika, sind die einzige Verbindung Richtung Spanien, wenn man nicht lange Umwege auf sich nehmen will. Langsam machte sich der Stress des Tages bemerkbar und auch die Dunkelheit breitete sich aus. Nirgendwo auch nur das kleinste Anzeichen eines Campingplatzes, von einem Hotel ganz zu schweigen. Kurz vor Montpellier um 11 Uhr abends – endlich. Leider belegt. Kurz danach wieder: Camping. Wieder belegt – obwohl gleich bei der Einfahrt ein großer freier Platz war auf dem unser Zeltchen locker Platz gehabt hätte. „Ich hab’ die Nase voll. Auf dem nächsten Kreisverkehr schlagen wir unser Zelt auf“, rief ich enttäuscht. Zum Glück fand sich gleich danach ein Platz. Im Dunkeln sahen wir allerdings nur einen Campingbus stehen, sahen keine Einfahrt und keine Duschen. Es war uns egal. Rasch stellten wir unser Zelt neben dem Bus auf bevor uns jemand abweisen könnte. Nebenan war noch eine Gaststätte und da wollte ich mich an diesem Abend ordentlich betrinken, denn sonst würde ich ohne Körperpflege nach diesem Tag sowieso nicht einschlafen können. Doch wiedereinmal kam es anders. Die betrunkenen Gäste des Restaurants sprangen mit ihren Kleidern in den Swimmingpool, da fielen wir mit unserem Dreck auch nicht mehr auf und konnten auf diese Weise sauber schlafen gehen. In der Morgensonne bemerkten wir, dass wir auf der Rasenfläche vor dem Restaurant gecampt hatten, der eigentliche Campingplatz wäre ein paar hundert Meter weiter hinten gewesen.
Endlich überquerten wir die spanische Grenze. Kurz danach verlor Frank seine Nummerntafel und ich fuhr ihm auch noch drüber. Aber das verstärkte höchstens noch den Eindruck der Abenteuerlust. In Ampuria brava fanden wir nach Erklärungen mit Händen und Füßen einen wunderschönen, sauberen Campingplatz direkt am Meer. Eine Woche lang gönnten wir uns eine erholsame Pause. Lediglich Barcelona lockte uns zwecks Besichtigung, ansonsten hieß es nur: schwimmen, Sandburg-Bauen, lesen und abends in die Stadt zum Essen. Das war alles.
Ungern setzten wir uns wieder auf unsere Maschinen, um heimwärts zu fahren. Aber noch war der Urlaub ja nicht vorbei, wir würden die nächsten Tage noch genießen können.
Schon beim Wegfahren am Morgen war es furchtbar heiß. In Orange (F) war aber absolute Hölle. Der Sturzhelm war fast nicht mehr ertragbar. Kurz vor Grenoble kauften wir noch ein und suchten ein Nachtlager. Abseits der Straße spannten wir eine Plane zwischen die beiden Motorräder und schliefen in unseren Schlafsäcken.
Am nächsten Tag war das Wetter unbeständig, immer wieder mussten wir hinein in unsere Regenkombinationen. Aber in Sion, der Sonnenstadt der französischen Schweiz, ist es wieder brütend heiß. Sebastian hätte unter dem Verdeck bald einen Hitzekollaps erlitten.
Bei der ersten Kehre des Furka-Passes blieb Frank stehen. Er stieg ab und begutachtete seinen Hinterreifen, der durch die Hitze in Spanien schon dermaßen abgefahren war, dass er für die Straße unmöglich noch gelassen wäre. Er hatte einen Platten. Aber nicht nur das, es fehlten auch noch 17 Speichen am Rad, eine davon hatte sich in den Reifen gebohrt.
Da war guter Rat teuer. Einen Pannenspray hatten wir dabei, aber man hätte auch einen Kompressor gebraucht ... und hier war weit und breit nichts. Langsam fuhren wir weiter, immer wieder musste er mit der Fußpumpe Luft in den Reifen pressen.
In einem kleinen Gasthaus in der Höllschlucht, die übrigens ihren Namen nicht zu Unrecht trägt, beratschlagten wir, wie es weitergehen sollte. Wenn wir übernachtet hätten, hätten wir am nächsten Tag eine Werkstätte gebraucht und wären womöglich erst in ein paar Tagen wieder weitergekommen. Halb zum Spaß sagte ich: „Dann fahren wir eben durchaus heim!“ Wir hatten noch rund sechs Stunden Fahrzeit vor uns und es war bereits zehn Uhr abends. Noch dazu blitzte und donnerte es.
Kurz und gut, wir machten uns auf den Weg. Sebastian konnte im Beiwagen schlafen, wir würden es schon schaffen. Es regnete und regnete. Als wir bei der Tankstelle vor dem Arlberg vorfuhren, schauten uns die Tankwarte ganz entgeistert an. Wie konnte man nur bei so einem Sauwetter mit dem Motorrad unterwegs sein! Hände und Füße waren glitschnass, und auch die Regenanzüge ließen stellenweise Wasser durch. Im Arlbergtunnel war es schön warm, ich wünschte mir, dass der Tunnel bis nach Hause gehen würde. Wir konnten maximal 60 Stundenkilometer fahren, und ich flehte zum Himmel, dass der Reifen bis nach Hause halten würde. Das Gewitter begleitete uns von der Höllenschlucht bis Kirchbichl, wo wir kurz vor fünf Uhr früh ankamen.
Es mag zwar den Anschein haben, dass der ganze Urlaub ein einziger Stress gewesen wäre. Für uns war von vornherein klar, dass Pannen auftreten könnten. Heute lachen wir darüber und erinnern uns gern an unsere Reise nach Spanien.
