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Grasse - das Zentrum der Parfumindustrie

Wenn die Nase auf der Orgel komponiert

Seit Patrick Süßkind das Buch „Das Parfum“ geschrieben hat, ist auch hierzulande vielen die südfranzösische Stadt Grasse ein Begriff. Doch wer meint, das sei so ein verschlafenes Dorf, wie es im Buch dargestellt ist, der liegt arg daneben. Denn Grasse ist das selbsternannte, weltweite Zentrum der Parfumindustrie und dementsprechende Bewegung herrscht in der Stadt.

Angeblich soll der Feldherr Napoleon Bonaparte gesagt haben: „Wenn Gott gewollt hätte, dass wir uns waschen, hätte er das Parfum nie zugelassen.“ Tatsache ist, dass die feinen Damen schon vor hunderten von Jahren sich mit Wässerchen besprühten, um die Männerwelt mit ihrem Duft zu betören.

Galimard gehört zu den drei großen Studios in Grasse. Dort arbeitet auch die gebürtige Vorarlbergerin Jeanette Musso , die seit vielen Jahren in Südfrankreich beheimatet ist. Im Vorarlberger Dialekt mit französischem Einschlag räumt sie viele Unklarheiten im Zusammenhang mit Parfum und dessen Herstellung aus dem Weg. Bei Galimard ist es möglich sein eigenes Parfum zu kreieren und das sollte wirklich jede Frau, die bezüglich Duft was auf sich hält, nützen. Denn ein Parfum enthält 20 bis 250 verschiedene Essenzen und somit kann der Duft vollkommen auf die eigene Person abgestimmt werden.

Kopf – Herz – Basis

Natürlich gibt es ein Konzept dafür, wie die einzelnen Essenzen zusammengemischt werden. Denn ein Parfum ist nach gewissen Regeln aufgebaut. Als Benützer nimmt man als erstes die Kopfnote wahr. Es sind dies die leichten und frischen Düfte, wie etwa Zitrus oder Bergamotte, die sich schnell verflüchtigen. Sie haften nur etwa 15 Minuten und verraten selten den wahren Charakter des Parfums. Nach dieser Zeit nimmt man erst die gesamte Fülle, also das Herz des Parfums, wahr. Nach einigen Stunden verliert auch die Herznote ihren Duft und dann kommt die Basisnote zum Tragen. Es sind dies die schwer flüchtigen Duftstoffe, die oftmals holzig riechen. Die Basisnote ist manchmal am nächsten Tag noch wahrnehmbar und sie sorgt auch dafür, dass die Kopf- und Herznote nicht zu rasch verflüchtigen. Der Duft des Parfums ändert sich also im Laufe des Tages und wenn man sich eine neues kauft, dann sollte man dies berücksichtigen.

Die Nase führt ein spartanisches Leben

Der Komponist solch eines großen Duftes wird die „Nase“ genannt. Er oder sie, bei Galimard ist es unter anderem Caroline de Boutiny, arbeitet an einem Tisch, auf dem sich in drei Reihen (Kopf-, Herz- und Basisnote) die Öle und Essenzen darbieten – ähnlich einer Orgel, weshalb dieser Tisch auch die Parfumorgel genannt wird. Maximal vier Stunden am Tag kann eine „Nase“ arbeiten, da danach die eindeutige Identifizierung der Stoffe verloren geht. „Üblicherweise kann ein Mensch etwa 40 Aromen wahrnehmen. Eine „Nase“ schafft bis zu 6000“, weiß Jeanette Musso. Etwa 200 „Nasen“ arbeiten auf der Welt, der Großteil davon in Grasse. Sie werden in der internationalen Parfumeschule in Grasse ausgebildet und müssen Zeit ihres Berufslebens ein eher spartanisches Leben führen um den Geruchssinn nicht zu beleidigen und von ihm in die Irre geführt zu werden. Das Rauchen ist also ohnehin tabu, aber auch stark gewürzte Speisen beeinträchtigen diesen Sinn.





Zwei Tonnen für einen Liter Essenz

Galimard ist der älteste Parfumhersteller Frankreichs. Auch das berühmte Chanel Nr.5 wurde dort kreiert. Zu den großen und ältesten zählen aber auch noch Molinard und Fragonard. Jeder dieser Hersteller bezieht seine Essenzen und Öle aus der gesamten Welt. Bis etwa 1980 wurden die Rohmaterialien nach Grasse geliefert, heute werden diese direkt im Herstellungsland zu Essenzen verarbeitet, weil unter den teilweise langen Transportwegen die Qualität der Blüten und leidet. Einzig Galimard nützt noch die zahlreichen Lavendelblüten der Provence, um das Öl daraus zu extrahieren. Übrigens braucht es für einen Liter Lavendelöl eine Tonne Lavendel und zwei Tonnen Rosenblätter werden benötigt um einen Liter Essenz herstellen zu können.

Bis 1940 praktizierte man die Enfleurage. Dabei werden Blüten auf Platten mit Fett gelegt. Dabei gehen die ätherischen Öle in das Fett über. Alle paar Tage wurden die Blüten durch neue ersetzt und nach 15 Tagen wurden diese entfernt und mit Alkohol versetzt extrahiert. Dieser Aufwand lohnt sich allerdings heute nicht mehr. „70 Prozent der Einwohner von Grasse arbeiten in der Parfumindustrie“, erklärte Yve, in der kleinen Bar neben dem Parfummuseum. Er weiß auch, wo die restlichen 30 Prozent beschäftigt sind, nämlich im Gefängnis, das am Stadtrand, an der Route Napoleon, inmitten der Thymian- und Lavendelblüten, steht.

Nicht im Bad lagern

Von einem Parfum spricht man dann, wenn der Anteil von Ölen mindestens 25 bis 30 Prozent beträgt. Der Rest ist Alkohol. Bei 15 bis 20 Prozent spricht man von Eau de Parfum, bei 10 bis 15 Prozent von einem Eau de Toilette und bei sechs Prozent ist es ein Eau de Cologne. Ganz egal um welchen Duft es sich handelt, man sollte den Inhalt der Flacons nicht jahrelang aufbehalten, denn die Qualität verändert sich mit der Zeit. Auch das Badezimmer ist nicht unbedingt der ideale Ort für die Duftwässerchen. Madame Pompadour hatte es wohl deshalb auf ihrem Frisiertischchen neben dem Schlafraum stehen. Und so wie man meist im Sommer ein anderes Parfum verwendet wie im Winter, so verändert sich der Duft des Parfums auch im Laufe des Tages. Dafür ist unter anderem der Biorhythmus des einzelnen verantwortlich.

Die großen Modemarken haben oftmals ihre eigenen Parfummarken. Das heißt allerdings nicht, dass sie diese selbst herstellen. Viele von ihnen arbeiten mit den Parfümeuren in Grasse zusammen. Auch Grace Kelly ließ ihr Parfum bei Galimard komponieren und sie wollte eines, welches nur aus weißen Blüten hergestellt wird. Beim nächsten Urlaub in Südfrankreich, in Grasse oder Eze Village, ein paar Kilometer nördlich von Monaco, lohnt es sich bei Galimard sein eigenes Parfum zu kreieren. Rund 40 Euro sind für dieses duftende Herausstellungsmerkmal nötig. Übrigens – auch Männer können diese Gelegenheit nutzen.




Abbildung: Vorarlbergerin in der Parfumstadt - Jeanette Musso lebt gerne in der Provence und weiß viel über Parfumherstellung und –anwendung.

Abbildung: Parfumorgel - Caroline de Boutiny überwacht und gibt Tipps bei der Herstellung des eigenen Parfums – egal ob für Damen oder Herren.

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